Mittwoch, 5. Dezember 2007

Letzter Post aus Mali...

Hallo liebe Leute,

Lange ist's her... das hat gute Gründe: In den letzten ca. 5 Wochen habe ich über 4000km mit dem öffentlichen Verkehr, Schiff oder zu Fuss zurückgelegt! Das war total spannend; insbesondere die zwei Wochen mit Jonas waren extrem schön...
Heute ist mein drittletzter Arbeitstag; am Morgen ging ich nochmals zu einem Projekt von Jigi für die letzten Filmaufnahmen... stundenlanges Filmmaterial ist liegt jetzt bereit für den Schnitt in der Schweiz. All die Interviews für meine Masterarbeit sind auch beendet. Am Montag habe ich die Ergebnisse bei Jigi vorgestellt, was nochmals zu spannenden Diskussionen Anlass gab... dazu aber mal mehr mündlich für die, die's interessiert.
Ja, apropos mündlich... ich denke, dies wird der letzte Blog-Eintrag aus Mali sein, da am Sonntag meine Eltern hier ankommen und wir dann noch zwei Wochen gemeinsam herumreisen. Kurz vor Weihnachten kommen wir zurück in die Schweiz. Ich freue mich auf Euch!

Liebe Grüsse
Sabine

P.S.: Übrigens ist's hier richtig kalt geworden; in der Nacht weniger als 20 Grad und tagsüber nur noch knapp 30 Grad... :-)


Bei uns zu Hause












































Tresses (Zöpfli) und danach...




























Reise nach Sikasso: Besuch bei Danaya So (Organisation von Prostituierten zur Sensibilisation ihrer "Arbeitskolleginnen"















Nochmals eine Hochzeit... vor dem Standesamt
















Das Brautpaar (Freundin von Bah)















Bah mit ihrer Mutter















Einstimmung aufs Reisen: Theater Dogon















Reise mit Jonas: Djenne...




















































Pays Dogon




















































Auf dem Niger













Montag, 5. November 2007

H - Heiraten, N - Niger

Hallo liebe Leute,

Die letzte Woche war total faszinierend... eine malische Hochzeit, Kommunikations-Seminar in Ségou und anschliessende eineinhalbtägige Schifffahrt auf dem Niger! Mehr dazu weiter unten...

Viele liebe Grüsse und bis zum nächsten Mal
Sabine


Hochzeit

Heiraten ist eine absolute Notwendigkeit in der malischen Kultur. Ein Mitarbeiter von JIGI erklärte mir, das dies eine Form von sozialer Sicherheit sei, die durch nichts anderes ersetzt werden könne. Wie sonst könne eine Frau wissen, dass der Mann bei ihr bleibe?

Der malische Mann hingegen heiratet im Durchschnitt mit 32 Jahren, da er für alle Ausgabe für die Hochzeit aufkommen muss. Saki, der Bruder unseres Nachbarn, ist 30 und möchte nächstes Jahr heiraten. Seinen Erklärungen zu Folge geht das Prozedere folgendermassen: Er schickt zunächst 3 Kola-Nüsse und 500CFA (ca. 1CHF) an die Familie der Frau und bekundet damit sein Interesse an ihr. Die Familie der Frau stellt dann Recherchen über die Familie des Interessenten sowie über eventuelle weitere Interessenten an. Zwei Wochen später kann Saki dann bei der Familie der Frau vorbeigehen und die Antwort „abholen“. Falls die Familie der Frau (und auch die Frau) den Heiratsantrag akzeptiert, schickt der Bräutigam einen ganzen Sack voll Kola-Nüsse sowie einen Brautpreis von bis zu 200‘000CFA (400CHF) an die Braut-Familie. Danach muss der Bräutigam auch noch für die traditionelle Hochzeitszeremonie in der Moschee und die Zivilhochzeit aufkommen. Nach der Hochzeit zieht die Braut zur Familie ihres Mannes, wo sie fortan auch für ihre Schwiegereltern kochen und haushalten muss. Die Eltern von Saki bevorzugen allerdings, dass sich die junge Familie eine eigene Wohnung sucht. Im Unterschied zu den Frauen auf dem Land haben die etwas besser gestellten Frauen in der Stadt eine Haushaltsangestellte.

Eine Frau ist bei der Hochzeit in der Regel 18 bis 22 Jahre alt. Vor allem auf dem Land werden die Mädchen aber auch schon viel früher versprochen oder verheiratet. In der Stadt finden sich die Paare häufig selber. Eine Frau über 22 kann eventuell noch Zweitfrau werden, hat dann da aber einen schwierigen Stand, da die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Ehefrauen gross ist. Ansonsten gilt man ab 22 Jahren einfach als alte, unverheiratete Frau, was einer grossen gesellschaftlichen Schande gleich kommt.

Bei Begegnungen mit neuen Leuten ist die zweite Frage nach dem „ca va?“ immer „Mademoiselle ou madame?“. Da die Leute hier das Alter von Europäern erstaundlicherweise relativ gut einschätzen können (es ist somit klar, dass ich das heiratsfähige Alter bei weitem überschritten habe…) sind dann viele dieser Gesprächspartner auch ziemlich besorgt…. J. Zudem zähle ich nicht mehr, wie oft ich mich schon mit jemandem hätte verheiraten können. Ein anderer Arbeitskollege schlug mir vor, die „copinage“ mit Jonas zu beenden und stattdessen ihn als Zweitfrau zu heiraten… (ohne weiteren Worte).

Die Hochzeit selber ist ein Riesen-Fest, welches wohl oft die finanziellen Möglichkeiten der Gastgeber, aber auch der Gäste überschreitet. Am letzten Sonntag war ich auf einer Hochzeit, bei welcher gegen 500 Leute anwesend waren. Die Musik war super, es wurde ausgiebig getanzt, reichhaltig gegessen und die Gäste verteilten Geldscheine wie Papierfötzel.










































Niger

Eine Schifffahrt auf dem Niger bedeutet eineinhalb Tage gemütliches Zusammensein mit den malischen Mitreisenden, viele interessante Gespräche, Schlafen an Deck unter den Sternen, superschöne Aussicht auf den gemütlich dahinziehenden Fluss und die vielen kleinen Dörfer… war ein absoluter Traum!!!!










Unser Schiff, gebaut 1979 in Deutschland








Reisen in der 4. Klasse auf dem Schiffsdeck!









































Zusammenfluss von Bani und Niger bei Mopti














Unterwegs...

Freitag, 26. Oktober 2007

Ramadan

Liebe Leute,

Mittlerweilen schon vor zwei Wochen feierten wir Ramadan, das Fest Ende der Fastenzeit! Wie ihr den Fotos entnehmen könnt, wird es in Mali hauptsächlich als "Fleisch-Essens-Fest" zelebriert... nach dem grossen Massaker im Innenhof von der malischen Nichtregierungsorganisation gab es während 2 Tagen zum Zmorge, Zmittag und Znacht Fleisch, leider nur teilweise mit noch anderen Beilagen... :-)

Liebe Grüsse und bis bald
Sabine
















"Massaker" im Innenhof von Jigi















Eine Unmenge von Fleisch wird verteilt...

































Bei Moussa's Familie













Fleisch, Fleisch, Fleisch...













... und Ingwer-Saft! Mmmmhhh :-)



























Dienstag, 9. Oktober 2007

F wie Fasten!

Ein etwas müdes "hallo"...

Heute faste ich! Und zwar nach den Regeln des Islams… und die sind ziemlich hart: Vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang darf man essen und trinken; dazwischen gibt's nichts.

Ich bin heute morgen gemeinsam mit meiner Nachbars-Familie um 4 Uhr aufgestanden. Vorsorglicherweise habe ich mal einen Liter Wasser getrunken, bin auf unser Dach gestiegen und habe den frischen Wind, die Sterne und die Dunkelheit genossen. Dann haben wir „gefrühstückt“, d.h. wir haben Fleisch mit Sauce und eine spezielle Art Gebäck gegessen; die Resten vom gestrigen Nachtessen. Die anderen haben sich dann wieder schlafen gelegt; das hat bei mir aber nicht geklappt… nach dem ausgiebigen Essen war mein Körper bereits auf „Normalfunktion“ eingestellt. So habe ich mich halt um 5Uhr morgens ins Büro gesetzt…

Mittlerweilen ist 13.13 Uhr; immer noch über FÜNF Stunden bis ich das Fasten „couper“, schneiden oder abbrechen kann…

Um zehn Uhr morgens ging ich mit ein paar Animateurinnen von Jigi in ein Dorf, um eine Frauengruppe bei einer Mikrofinanz-Aktivität zu filmen und fotographieren. Das war super; erstens bin ich gerne in dem Dorf weil die Frauen mich schon kennen und wir’s immer ganz lustig haben; und zweitens war ich für zwei Stunden so absorbiert, dass ich den Durst und Hunger völlig vergessen habe… Leider habe ich auch das Gefühl, dass ich da trotzdem viel Energie verbraucht habe; und die Hitze, der Durst haben sich jetzt enorm vervielfacht.

Wahrscheinlich fragst du dich nun, weshalb ich das Ganze denn mache, bei dem ganzen Gejammer… J. Für meinen Fastentag habe ich aber zwei gute Gründe:

- Über 90% der Malier sind praktizierende Moslem. Sie leben zwar eine moderate Form des Islams, bei welchem sich die Frauen zum Beispiel nicht verhüllen müssen. Dennoch beten viele Malier (und einige Malierinnen) fünf Mal am Tag; und seit fast einem Monat fasten sie! Der Ramadan hat grosse Auswirkungen auf das Leben in Mali allgemein, denn insbesondere seit Beginn des Fastenmonats werden die Leute immer schwächer; das öffentliche Leben kommt nachmittags praktisch zum Stillstand. Erst abends, nach 18.20 Uhr, wenn alle gegessen haben, ist wieder etwas los! Mit meinem Fastentag zeige ich einerseits meinen Respekt für ihren Willen; andererseits kann ich selber auch besser verstehen, was im Körper so los ist nach einem heissen Tag ohne Essen und Trinken!

- Die Malier selber begründen ihren Willen zum Fasten damit, dass sie das Leben eines Hungernden oder Durstigen besser nachempfinden können und daher auch eher bereit sind ihren Besitz zu teilen. Dies ist meiner Meinung nach ein guter Grund zum Fasten. Ich weiss, dass ich heute abend um 18.20 Uhr wieder fein essen und sauberes Wasser trinken kann! Doch was ist mit den vielen Leuten, auch hier in Mali, die Tag für Tag um ihr Überleben, um Essen und Trinken kämpfen und bangen müssen? Hier noch ein Link zu einem guten Artikeln über die Hungersnot und den Kampf ums Überleben im Norden Malis: http://redcross.ch/data/activities/countries/pdf/54_3_de.pdf

Zum Schluss noch die schöne Seite des heutigen Tages… Fotos von der Frauengruppe!

Viele liebe Grüsse

Sabine














Mikrokredit-Frauengruppe in Kalabam-Bougou















































































Balayra und Fatim, Arbeitskolleginnen bei Jigi

... Und jetzt ist schon 14.06Uhr!!! Juhui!

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Im Busch...









Hallo!

Ende letzter Woche war ich für zwei Tage „en brousse“… im Busch! Meine drei Arbeitskollegen von Jigi, welche für die Wasserprojekte in der Region Kolokani (ca. 120km von Bamako) zuständig sind, haben vier „ihrer“ Dörfer besucht. Dort wurde der Zustand der installierten Brunnen begutachtet, Verbindungen mit den Dorfchefs und anderen Schlüsselpersonen gepflegt, Sensibilisierungs-Schilder neu angebracht etc.. Ich durfte mit und hab alles gefilmt, fotographiert, hunderte Fragen gestellt…

Ich kann wohl kaum beschreiben, was ich da alles gesehen, erfahren, erlebt, gelernt habe! Es war einfach unglaublich eindrücklich! Zudem war der Austausch mit meinen Arbeitskollegen genial und die Begegnungen mit den Dorfbewohnern enorm herzlich! Hier zunächst ein paar Fotos; weiter unten folgen dann noch mehr Informationen…






















Ein paar Informationen und Geschichten…

… zum Projekt

WaterAid als internationaler (britischer) Geldgeber unterstützt ein grossflächiges Wasserversorgungsprojekt in Mali. In verschiedenen Regionen Malis wird die Infrastruktur der Wasserversorgung und –entsorgung verbessert sowie die Bevölkerung sensibilisiert.

Jigi ist zuständig für die WaterAid-Projekte in zwei Bezirken Bamakos sowie in 12 Dörfern rund um Kolokani. Dort wurden Brunnen und Abwässerkanäle gebaut oder die traditionellen Einrichtungen verbessert: die vorhandenen Brunnen werden mit einem Deckel geschlossen, damit Staub und Blätter das Wasser nicht verunreinigen; auch die Latrinen bekommen einen Aufsatz mit Deckel um zu verhindern, dass die vielen Fliegen den direkten Weg zwischen Latrine und Küche nehmen.

Für die Sensibilisierung der Bevölkerung ist ein Animateur Jigis verantwortlich. Er verbringt ca. 14 Tage bei den Leuten in den Dörfern und führt verschiedene Aktivitäten durch. Bei Gemeindeversammlungen, Frauentreffen oder auch bei Hausbesuchen erklärt er, wieso regelmässiges Händewaschen mit Seife .(zumindest vor dem Essen und nach dem Toilettengang)

wichtig ist. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Sauberkeit rund um den Brunnen sowie der Wassertransport zu den Häusern. Häufig werden zum Beispiel die Säcke fürs Wasserholen einfach in den Sand gelegt; das Wasser im Brunnen wird so beim nächsten Wasserholen verschmutzt. Zur Erinnerung; wir sprechen hier von Trinkwasser! Weiter sollte für den Wassertransport ein sauberer, verschliessbarer Behälter verwendet werden…

… zu den Dörfern

Die meisten Männer arbeiten auf den umliegenden Feldern und können so ihre Familien zu einem (nicht ausreichenden Teil) ernähren. Das wenige Kleinvieh wird meistens nicht gegessen, sondern verkauft. Die Frauen verkaufen wenn möglich ein paar Sachen vom Feld sowie selbstgemachte Seife oder Karité-Öl auf dem Markt von Kolokani, um dann wieder andere Produkte wie Salz einzukaufen oder Medikamente zu bezahlen. Wir sahen viele der Frauen auf den sehr abenteuerlichen Wegen zwischen den Dörfern und Kolokani; sie sind für mehrereKilometer zu Fuss unterwegs.

Die wichtigsten Personen im Dorf sind der Dorfchef und der Féticheur. Der Dorfchef trifft alle Entscheidungen; zum Beispiel den Ort für die Sensibilisierungs-Tafeln von Jigi. Der Féticheur ist für das Seelenheil der animistischen Gemeinschaft verantwortlich und muss als Respektsperson auch in die Aktivitäten von Jigi einbezogen werden.










Der ältere Mann auf dem Foto sprach ein bisschen Französisch und lud mich zu sich in den „grain“, den Innenhof der Grossfamilie, ein. Er ist Chef einer 38-köpfigen Familie. Darin enthalten sind seine Ehefrauen, die Söhne sowie deren Frauen und Kinder. Insgesamt seien es 12 Frauen. Er erklärte mir weiter, dass die Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren verheiratet werden, die Männer zwischen 18 und 22 Jahren.

Wasser ist immer ein wichtiges Thema. Der Stadtpräsident von Kolokani erzählte uns, dass einige Mädchen und deren Eltern eine Ehe mit Männern aus einem bestimmten Dorf verweigerten, weil dort das Wasser immer verschmutzt ist!

… zu meinen Arbeitskollegen











Ich fragte Seni (ganz rechts), den Projektleiter von Jigi, ob ein Besuch im Busch für ihn genauso fremd sei für mich. Er erklärte, dass er und viele der anderen Mitarbeiter von Jigi in eben solchen Verhältnissen aufgewachsen sind. Auch wenn sie jetzt in einem Haus mit fliessendem Wasser und Elektrizität in der Stadt wohnen ist das Leben im Busch nicht allzu weit entfernt. Viele machen zudem regelmässige Besuche im Busch, bei ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten. Seni meinte, dass ihm die Arbeit bei Jigi auch daher viel Freude bereite, weil er einerseits die Errungenschaften der letzten Jahre sieht und andererseits so auch etwas dazu betragen kann, die Lebensbedingungen im Busch zu verbessern.